Der Plan

Die Idee war also, zumindest in unseren Köpfen, zu einem Plan gereift. Als erstes mussten natürlich die Kinder mit ins Boot bzw. Flugzeug geholt werden, wobei das keine Schwierigkeiten bereiten würde – da war ich mir sicher. Und, ganz nebenbei bemerkt und trotz heftigem Australien-Fernweh, hätte ich die ganze Angelegenheit sofort abgeblasen, wenn meine Kids große Bedenken und keine Lust gehabt hätten. Das ist ja klar. Aber, genau das Gegenteil war der Fall. Bei der ersten vorsichtigen Andeutung, konnten meine Kinder ihr Glück kaum fassen und waren von Beginn an genauso begeistert wie ich. (Bei uns allen entwickelten sich im Laufe der Planung und besonders auch kurz vor Abflug diverse, mehr oder weniger stark ausgeprägte, Ängste oder Sorgen – aber noch nicht zu diesem Zeitpunkt.) Jetzt sollte der Plan also Form bekommen. Welche Schule? Soll es wirklich Australien sein oder doch lieber die von mir heiß geliebten (da kann auch ein Herr Trump nichts dran ändern) USA? Nein, Australien war dann doch das Ziel der Wahl, da waren wir uns schnell einig.

Als Zeitpunkt bot sich aus verschiedenen Gründen der deutsche Winter an. Für Susanne, als Professorin, nahe liegend wegen der Semesterferien, außerdem lockte natürlich der australische Sommer und die Kinder konnten auch in den Ferien starten. (Ich hatte bereits mit meinem Chef einen dreimonatigen unbezahlten Urlaub besprochen.) So entstand die Idee zu Beginn der deutschen Winterferien zu fliegen. Mein Partner Christoph wäre die ersten Wochen mitgekommen und nach Silvester wieder nach Deutschland geflogen. Da hatten wir die Rechnung jedoch mit unserer europäischen Brille und ohne den australischen Schulkalender gemacht. Denn die Australier haben natürlich in unserem Winter ihre langen Sommerferien. Das wären für unsere Kinder viel zu viel Ferien und viel zu wenig Auslandsschulerfahrung gewesen. Also umplanen. Wir entschieden uns dann für den Besuch des gesamten ersten Schoolterms für die Kinder. Dieser sollte am 28.01.2020 beginnen und am 3.04. enden. Das bedeutete jedoch, dass Susanne pünktlich zum Frühjahrssemester, bereits Anfang März, wieder zurückreisen würde. Christoph würde nicht am Anfang, sondern am Ende dazu stoßen und ich würde die ganze Zeit bleiben, mit der Verantwortung für ein zusätzliches Kind. So hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt, aber es war wohl die beste Lösung. Damit sie auch noch was davon habe, entschied Susanne sich, zwei Wochen vor australischem Schulbeginn mit ihren Kindern bereits nach Sydney zu fliegen. (Ihre Tochter Marie, die bereits studiert, hatte sich zwischenzeitlich dem Plan für einige Wochen angeschlossen.) Ok,das wäre dann also geklärt.

Als Schule der Wahl lag die australische Partnerschule unserer Schule in Frankfurt nahe. Bei einem ersten Gespräch mit der zuständigen Lehrerin in Deutschland, wurde unser Plan (der ja von anderen Familien bereits erprobt war) begrüßt und unterstützt, der Besuch des Good Shepherd Lutheran Colleges (GSLC) jedoch in Frage gestellt. Die Australier seien da recht streng und hätten das nicht so gerne. Man würde jedoch nachfragen und uns auch hier unterstützen. Und das war dann auch von Erfolg gekrönt. An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an die entsprechenden Stellen.Wir bekamen also im Mai 2019 eine kurze Bestätigung des GSLC und konnten mit der weiteren Organisation beginnen. Die Flüge waren schnell gebucht, die Suche einer passenden Unterkunft gestaltete sich nicht ganz so einfach. Ich suchte auf allen Portalen und Kanälen und fand einige Angebote, aber alles war so schrecklich teuer! Sollte unser ganzer schöner Plan an der Finanzierung der Unterkunft scheitern?! Das konnte ich auf keinen Fall zulassen. So grub ich einige Wochen in den Tiefen des WWW nach passenden Angeboten und wurde schließlich fündig bei zwei lokalen Anbietern. Die Mieten waren immer noch höher als unser ursprünglich geplantes Budget, aber noch machbar – und, wir wollten es ja auch schön haben. Die ganze Chose war sowieso nicht gerade ein Schnäppchen – das ist ja klar. Aufgrund der wechselnden Personenzahl planten wir einen Umzug (aus dem dann schließlich doch zwei wurden) mit ein. Ok, Flug -Check!, Wohnung – Check!, Schulbeurlaubung – Che….- halber Check. Natürlich benötigten wir eine offizielle Beurlaubung von Seiten der deutschen Schule, um nicht in letzter Sekunde am Flughafen aufgehalten zu werden. Den Antrag dazu also noch vor den Sommerferien schön ordentlich geschrieben und den Kindern für die Klassenlehrer mitgegeben, in der Erwartung diese zeitnah zurückzubekommen. Aber da hatten wir die Rechnung ohne den etwas, wie soll ich sagen, durchaus sympathischen, aber ausgesprochen unübersichtlichen Ordnungs- und Führungsstils eines Klassenlehrers gemacht. Will sagen, eine Beurlaubung flatterte, wie erwartet, zeitnah ins Haus, die andere -ließ auf sich warten und warten. Die Sommerferien verstrichen, dann auch die Herbstferien – keine Beurlaubung. Langsam fing ich an mir Sorgen zu machen, konnte mir aber eine Verweigerung der Beurlaubung beim besten Willen nicht erklären. Daher eine vorsichtige Anfrage beim Elternabend im Oktober??? Ach ja, da war doch was! Zum Glück fand sich der Antrag schließlich, noch ungeöffnet, zwischen einigen Klassenarbeiten und konnte rechtzeitig genehmigt werden. Puh, die Hürde hatten wir auch genommen. Schulbeurlaubung – Check! Was fehlte noch? Ach ja, notwendige und empfohlene Impfungen, Visa, Kreditkarte für die Kinder (für alle Fälle…), Auslandskrankenversicherung usw. Der Mietwagen, genau, der musste auch noch her. Schließlich war tatsächlich alles organisiert. Was fehlte war eine erneute Bestätigung der australischen Schule mit offiziellem Anmeldeverfahren etc. Wir wurden langsam nervös als wir auf die dritte Mail noch immer keine Antwort erhielten. Würde jetzt doch noch alles scheitern? Natürlich nicht, wir machten lediglich unsere erste Erfahrung mit dem entspannten Aussie-Style (no worries!). Kurz vor Weihnachten kam die ersehnte Mail. Wir füllten noch einen Wust an Dokumenten aus und waren dann sowas von bereit und erleichtert. Alles in trockenen Tüchern!

Die Idee

Die Lorbeeren für die Idee drei Monate nach Australien zu gehen, würde ich mir ja gerne selbst einheimsen, aber so ist es nicht gewesen.

Vor etwa vier bis fünf Jahren (vielleicht sind es auch zwei bis drei) hörte ich über ein paar Ecken, dass eine uns gut bekannte Familie plane für drei Monate nach Südafrika zu reisen. Mein Fernwehherz war sofort Feuer und Flamme und höllisch neidisch! Ich musste natürlich mehr erfahren und traf mich mit spontan mit Carolin. Ich erfuhr, dass die Kinder dort eine Schule besuchen würden und unsere Schule in Deutschland keinerlei Schwierigkeiten gemacht habe – im Gegenteil, der Auslandsaufenthalt würde sogar unterstützt. Auch die Schule in Südafrika war schnell gefunden, Wohnung über Airbnb, unbezahlter Urlaub oder Homeoffice beantragt – alles kein Problem. Ich war begeistert und freute mich mit Carolin. Wie spannend! Drei Monate in einem fremden Land. Was für eine Erfahrung für die ganze Familie, besonders die Kinder.

Ich bestürmte meinen Partner (der zwar nicht völlig abgeneigt war, meine Begeisterung jedoch nicht in vollem Umfang teilte) und schob den Gedanken einige Wochen in meinem Kopf hin und her. Ich wusste Südafrika wäre nicht das Ziel meiner Wahl, aber da gab es ja das große rote Land ganz im Süden!! Tatsächlich zog genanntes Sabbatical in der Folge einige Nachahmer in unserem Umfeld nach sich, was ich nur zu gut nachvollziehen konnte. Die Berichte der Rückkehrer waren durchweg positiv und bei mir wuchs das Fernweh.

So kam es, dass ich meiner Freundin Susanne bei einer Feier kurz vor Weihnachten 2018 ganz lapidar, praktisch im Nebensatz, meine Idee eines gemeinsamen Australien-Aufenthaltes vorstellte. Und, wie die Rheinländer eben so sind, kam die Reaktion ganz spontan: „Juli, das ist eine super Idee, das machen wir!“. Ja, so schnell kann´s von einer Idee zu einem, zugegebenermaßen noch nicht ganz ausgereiften, Plan werden.

Am Anfang war die Sehnsucht

Ja, so war´s. Die Sehnsucht nach der Ferne, die, wie mir scheint, mir von Geburt an mitgegeben ist. Schon immer ist mir das Fernweh sehr viel näher und nachvollziehbarer als dessen Antipode, das Heimweh. Die Lust auf die weite Welt wurde, möglicherweise, auch durch viele Reisen in meiner Kindheit verstärkt und fest in mir verwurzelt. Nahezu jeden Sommer flogen wir in die USA – und ich liebte es! Die Vereinigten Staaten verbinde ich bis heute mit einem ganz bestimmten Geruch, der einem direkt beim Verlassen des Flugzeugs in die Nase kommt. Es riecht nach Sommer, Meer, Burgern, Brownies, Rodeo und Seafood- einfach unwiderstehlich. Auch, wenn die USA meine erste große Länderliebe bleiben – faszinierte mich zunehmend das große, rote Land weit im Süden. Australien- schon der Name verspricht die volle Fernweh-Befriedigung. Ich las Bücher über die Traumpfade der Aborigines, über Schaffarmen im Outback, hörte Geschichten über Ned Kelly, den Robin Hood Australiens, und über das Land, das das Surfen erfunden haben soll. Und natürlich sah ich Hugh Jackman in „Australia“. Keine Frage, ich musste dahin! Und tatsächlich, vor einigen Jahren packten mein Partner Christoph und ich unsere Kinder und Koffer und flogen gen Süden – und flogen und flogen…Ja, Australien ist echt weit weg. Unsere Kinder, damals noch acht und neun, konnten ihr Glück gar nicht fassen – 24 Stunden non-stopp Filme gucken! Die Reise hatte sich in ihren Augen schon mehr als gelohnt, der Rückflug konnte kommen. Irgendwann landeten wir dann doch im wirklich traumhaft schönen Sydney, klapperten die bekannten Sehenswürdigkeiten ab, kämpften einige Tage mit dem Jetlag und machten uns dann auf den Weg die Küste entlang zur viel gepriesenen Great Ocean Road und den, nicht mehr ganz vollzähligen, Twelve Apostles. Wie ein Kind gefreut habe ich mich über das erste Känguru, dem bald unzählige folgten. Das war einfach großartig. Im wunderschönen Melbourne feierten wir Weihnachten und flogen von dort nach Auckland, um mit meiner Freundin Tawan und deren Familie Sylvester zu feiern. Neuseeland, ein weiteres Objekt meiner Fernweh-Begierde. Wir blieben eine Woche dort, fuhren von Nord- zu Südinsel und wieder zurück und hatten viel zu wenig Zeit für viel traumhaftes Neuseeland. Ähnlich erging es uns mit Australien – zurück in Brisbane mussten wir uns auch schon wieder, über einen Umweg über Fraser Island, auf den Weg nach Sydney machen, um unseren Rückflug nicht zu verpassen. Das Fazit damals: Zwei unglaublich schöne Länder in viel zu wenig Zeit mit viel zu viel Fahrerei. Die Sehnsucht blieb.